M6 nicht nur von oben: Eine Dachgeschichte der Neu-Müllerin von der Schafbade

Eingerüstete Wassermühle Jensen aus ungewohnter Richtung-Fotos Familie Jensen

Das Gerüst ist abgebaut, der Hof gefegt. Fast 5 Wochen waren die Dachdecker vor Ort, um an der Erhaltung der Getreidemühle von oben zu arbeiten. Nun kehrt endlich wieder Ruhe ein an und in Nummer 78.

Bereits im 13. Jahrhundert als Wassermühle erwähnt, ist das Baujahr des maroden Daches vermutlich von 1885, dem Jahr des Wiederaufbaus nach dem letzten Brand in der Getreidemühle, die in ihrer Geschichte auch Graupen und Öl herstellte.
An mehreren Stellen regnete es seit Jahren hindurch. Kübel und Eimer zum Auffangen des Wassers standen auf dem Dachboden, nach dem Hochkeller, die 3. Etage. Besonders hatte es die Kehle im Nordosten des Dreigiebeldaches getroffen, Dachlatten hielten nicht mehr die Last der größtenteils handgestrichenen Linkskremper (historische Dachziegelform) und der Kehlbalken war bereits in Mitleidenschaft gezogen. Die Zeit für die Erneuerung des Daches drängte. Drei Kostenvoranschläge gaben einen Überblick – nur für die Erhaltung eines Gebäudeteils, der zurzeit weder bewohnt werden kann noch richtig genutzt wird. Als Familie mit 4 Kindern treten unweigerlich Gewissens- und Zielkonflikte auf.

So kennen es alle Räbker: das Mühlenhaus und dahinter das Mühlengebäude

Wo gibt es Fördermittel für ein Denkmal?

Für die Mehraufwendungen durch Vorgaben des Denkmalschutzes – M6 ist ein Einzeldenkmal – können im Normalfall auch von Privatpersonen Zuschüsse vom Landesamt für Denkmalpflege beantragt werden. Zusammen mit einer Denkmalschutzrechtlichen Genehmigung sind dann die Aufwendungen im gewissen Rahmen steuerlich absetzbar. Leider war der Zeitpunkt ungünstig, eine Förderperiode lief aus und die nächste wegen Corona noch nicht in Sicht. So mussten wir für dieses Projekt auf staatliche Zuschüsse verzichten.

Vom Staat nicht, aber von der SBK

Es blieb uns nur die Hoffnung, Stiftungen mit Denkmalförderung ausfindig zu machen, die auch private und nicht nur juristische Personen wie Verein und Gemeinden, etc. fördern.  Anträge schreiben, Absagen erhalten, viel Aufwand, der letztendlich doch Früchte tragen sollte. Die Stiftung Braunschweigischer Kulturbesitz (SBK) hatte die Möglichkeit, uns bei der Dacherneuerung mit 10.000 Euro zu unterstützen, ein beträchtliches Viertel der Gesamtkosten. Neben dem Denkmalschutz solle auch unser Engagement „Pilgerherberge am Braunschweiger Pilgerweg“ gewürdigt werden, so lautete es in der Begründung.

Dorfverein hätte helfen können

An dieser Situation hätte ein Dorfverein ganz anders mitwirken und von anderen Stellen weitere Gelder generieren können. Die Nachnutzung alter Gebäude ist im Leitbild verankert und sollte auch angemessen unterstützt werden können.

Der Start in die Höhe

22. Februar 2021, es geht los. Das Gerüst wird errichtet, zwei Tage lang, bis 10 Meter hoch. Da die Entscheidung auf neue Linkskremper-Dachziegel gefallen ist – ein Umdecken mit historisch einwandfreien Dachziegeln wäre die zeitaufwendige, teure Alternative gewesen – galt es nun, einige Exemplare der alten Ziegel zu bergen.  Als Reserve für den Ziegelbehang der Nordwand und für Holzschuppen oder Hühnerstall können die alten Baustoffe sinnvoll nachgenutzt werden. Mit Hilfe von Sonja Peltzer-Montfort, Besitzerin vom Haus Brennecke an der Hauptstraße, konnte wir ca. 500 Dachziegel vor dem Container bewahren. Wegen der ungewohnten Höhe, für uns nur von Innen aus möglich, was die Arbeit aber nicht leichter machte.

Ziegelfabrikanten aus Helmstedt und der Altmark

Die Dachziegelherstellung wurde ab Ende des 19. Jahrhunderts auf maschinelle Fertigung umgestellt. Anhand der rückseitigen Beschriftung kann nun der Fabrikationsort nachvollzogen werden. Die Helmstedter Ziegelwerke unter Arthur Stegmann waren mit drei verschiedenen Kennzeichnungen vorhanden. Vermutlich haben sich im Laufe der Zeit der Aufdruck oder auch die Geschäftsverhältnisse geändert. Eine große Anzahl kam vom Ziegelhersteller Lius Schmelzer, ebenfalls aus Helmstedt. Aus Walbeck-Gardelegen von C. Koehler waren nur wenige Exemplare verfügbar, und ein einziger Dachziegel wurde in der Schöppenstedter Ziegelei W. Knopf gefertigt. Diese „Neueren“ stellten aber eine Minderheit dar.

Der Großteil der Dachziegel waren jedoch noch handgestrichen, d. h. mit der Hand in eine Form gedrückt und dann glattgestrichen. Ca. 500 Ziegel schaffte so ein Arbeiter damals am Tag, fast 3.000 Stück passen auf das Mühlendach. Diese Machart hatte noch keine Beschriftung – bis auf einen. Die aufmerksamen Dachdecker der Firma Markwardt aus Königslutter fanden beim Abriss einen ganz besonderen Ziegel, einen sogenannten „Feierabendziegel“. Dieser wurde in noch feuchtem Zustand auf der Oberseite beschriftet. Bei dem unsrigen waren Zahlen eingeritzt, also eine „Zählziegel“, die Bedeutung der Zahlen konnte noch nicht geklärt werden. Oftmals war es der letzte Ziegel eines Daches, der mit einem künstlerisch gestalteten Spruch, Jahreszahl, Namen oder Symbol, dem Gebäude Glück bringen sollte.

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Swantje Jensen

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