Neues und Altes aus M6: Mühlenschätze im Dorf

Mühle Prinzhorn, seit 2011 Jensen, in den Sechzigern – Foto/Scan Irene Spick/Swantje Jensen

M6 ist in Räbke kein metrisches Gewinde oder die Bezeichnung einer Abteilung des englischen Geheimdienstes oder gar eines Sportwagentyps, sondern seit dem Dorfwettbewerb 2017/2019 die liebevolle Kurzbezeichnung einer unserer 7 Mühlen.
Nämlich die mit der No. Ass: 37 an der Schafbade und am Mühlengraben gelegen. Mit über einem halben Dutzend Mühlen im Dorfgepäck hat das Dorf immer etwas Geschichtliches zu berichten oder zu bemerken. Alle Mühlen und Gebäude drumherum – die ehemals 8., nicht mehr sichtbare zwischen Räbke und Frellstedt holen wir später wieder mit ins Boot, wenn der Räbker Dorfarchivar den Dreißigjährigen Krieg abhandelt – haben noch ihre Funktionen, wenn auch die Wassermüllerei nur noch an M5 oder an der ML zu besonderen Anlässen und bei Besucherströmen gezeigt wird. Es gibt eben nicht nur die ML = Mühle Liesebach, als Kulturträger mit ihrer besonderen Ausstrahlung und Aufmachung weit bekannt, sondern auch die anderen „Formen“, die sich gut in das Dorf und seine Ausläufer an Schunter und Mühlengraben anpassen. Von der wichtigen Funktion der Papiermüllerei während des 17. und 18. Jahrhunderts, über die gerade unter Experten ein exegetischer Kleinkampf zur Deutungshoheit geführt wird, ganz zu schweigen.

Also nehmen wir die Möglichkeit wahr und berichten ab und an über das neue Innen- und Außenleben unseres uralten Alleinstellungsmerkmales, welches wie so vieles im Dorf die Zahl 7 in sich birgt. Aber das ist wieder eine andere Geschichte. Jetzt ist M6 dran.
Und die Neu-Müllerin von der Schafbade hat eine Geschichte für uns:

Mühlenspatzen bei der Arbeit

Alte Gebäude neigen dazu, in Ritzen und Lücken Tiere zu beherbergen. So auch im Mühlenwohnhaus der Mahlmühle des letzten Müllers an der Schafbade, Ewald Prinzhorn. Spatzen, auch Haussperlinge genannt, nutzten zwischen Fach- und Mauerwerk eine Lücke und bauten sich nach und nach eine Nisthöhle. Jahr um Jahr wird der Nachwuchs zahlreicher – und die Höhle größer, bis zu dem Zeitpunkt, zu dem Nistmaterial durch Ritzen den Weg bis in das dahinter liegende Zimmer fand. Irgendwann hört die Nächsten-Tier-Liebe auf, und dem Treiben – so der Familienbeschluss – sollte nun zuerst innenseitig ein Ende gesetzt werden.

Handarbeit siegt immer

Also Teppichboden hoch, alte und festgeklebte Linoleum-Auslegeware mühselig abziehen, um an die Schadstelle zu gelangen. Natürlich noch unter dem Heizkörper, sodass das Unterfangen auch eine sportliche Seite mit sich bringt. Ja, der Schlitz zwischen Fußboden und Holzverkleidung (25cm hohe Fußleiste) ist doch länger und breiter als gedacht. Es scheint so, als ob dort wiederholt nachgebessert werden musste. Lose Kalksteinchen, Kitt und…noch etwas: Zeitungspapier. Es hat wohl schon in früheren Zeiten dort gezogen. Nun wird die Sache doch noch interessant, nämlich historisch.

Fest zusammengeknüllte Zeitungsseiten, teilweise verklebt, kommen zum Vorschein und hinterlassen einen noch größeren Spalt. Unter dem Kalk-Estrich des Fußbodens ist Sand, keine Seltenheit für das Baujahr 1830. Eine Braunglas- und eine Einfachglasscherbe kommen zum Vorschein – leider kein Schmuck. Der inzwischen ca. 1m lange Schlitz wird mit Lehmmörtel wieder verputzt. Mal sehen, wie lange das nun hält.

Braunschweiger Allgemeiner Anzeiger: Wochenendausgabe vom 2. Juli 1932 – Scans Swantje Jensen

Ein Papierschatz wird geborgen und aufbereitet

Der „Zeitungsschatz“ ist geborgen und bekommt mit Hilfe von Wasserdampf eine leserliche Form. Hoffentlich gibt es eine Kopfzeile mit Datum. Ganz vorsichtig entfaltet sich das brüchige Zeitungspapier über dem Wassertopf. Ja, „Braunschweiger Allgemeiner Anzeiger“ „Nr. 152“ ist zu lesen. Nächstes Stück, vielleicht findet sich dort ein Datum und, siehe da: „Sonnabend, 2. Juli 1932“. Ein gewisser Paul von Hindenburg war zu der Zeit Reichspräsident der Weimarer Republik. Weitere Seitenteile und -stückchen werden leserlich. Auch Werbung, Wetternachrichten und Meldungen u. a. aus dem Standesamt, sind darunter. (hier folgen Fotos)

Hermann Prinzhorn aus Winzlar (Kreis Stolzenau, in der Region der Mittelweser gelegen), Vater des letzten Müllers Ewald Prinzhorn, hat am 25. November 1909 von der Ehefrau des Obersteuerkontrolleurs Friedrich Beermann, Emilie, geb. Jürgens, den „Großkothof und Mühle No. ass: 37“ gekauft, dem heutigen „An der Schafbade 78“. Das Mühlenwohnhaus hat sein jetziges Aussehen nach den beiden Bränden 1824 und 1828 erhalten und beinhaltet bis heute einige Baumaterialien aus dem 1830 abgerissenen Jagd- und Lustschloss Langeleben. Die Mühle wurde ebenfalls nach Brand 1889 wieder aufgebaut, vermutlich samt neuem Wasserrad.

Und im Jahr 2021 erfährt die lange Baugeschichte ihre Fortsetzung: Die Wassermühle, die nun schon zehn Jahre Jensen heißt, wird aufgehübscht. Wie, erfahren Sie später.

Swantje Jensen

PS 1: Bei den Reichstagswahlen am 31. Juli 1932 kann die NSDAP ihren Stimmenanteil erneut ausbauen. Sie wird mit 37,4% zur stärksten Partei im Reichstag. Die SPD kommt lediglich auf 21,6% der Stimmen. Auch die DNVP (6,2%), die DVP (1,2%) und die Deutsche Staatspartei (1,0%) können deutlich weniger Mandate als bei der letzten Wahl erzielen. Neben der NSDAP gelingt es nur dem Zentrum (12,5%) und der KPD (14,5%) leichte Gewinne zu erreichen.
[Büttner, S. 473/803]

Der 31. Juli wird vorbereitet. Das Unheil kommt näher, auch in die Braunschweiger Landen/Ausgabe 155

PS 2: Ass.-Nr. = Assekuranznummer = Brandversicherungsnummer im Herzogtum Braunschweig

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