Das Jahr danach: Zum Vergessen – Part I

Der Sonne entgegen? Wie weiter mit der Dorfentwicklung? Foto CL

Das Jahr 2020 kommt in meiner persönlichen Ablage in die hinterste Schublade. Als Kalenderjahr! Das Zeitjahr, das im Januar des vorigen Jahres mit der Siegerehrung im Dorfwettbewerb in Berlin eine neue Ära der gezielten Dorfentwicklung für Räbke einleiten sollte, war leider auch nicht von besserer Qualität als die im Kalender festgeschriebene Zeit.

Eigentlich verspürte ich „ein großes Lüstchen“, mit meinen Zeilen an dieser Stelle einen satirischen Räbker Jahresrückblick zu „kredenzen“. A la Extra 3. Auf Einwirken einer weiblichen Person im Haushalt Breite Straße 94 aber halte ich meine persönliche Lust daran in Part I weitestgehend zurück. Nicht jeder soll in Räbke mein Feind werden dürfen. So lautete die weibliche Begründung.

Zunächst gingen beide Jahresformen – ob Zeit oder Jahr – mit Trauer an ihre Arbeit. Walter Behrens, den die etwas Älteren im Dorf noch in seiner Autowerkstatt stehend vor sich sehen und Hermine Liesebach verstarben in den ersten Januar-Tagen 2021. Einmal zugehörig zu Räbke, immer zugehörig zum Dorf, wenn man nur will. Und Hermine Liesebach wollte; auch in den letzten Jahren, die sie in einer Seniorenresidenz in Königslutter verbrachte und immer interessiert in Richtung Schunter und Mühlengraben schaute. Meistens von einem reitenden Fahrradboten, der auch noch kurze E-Kauf-Gänge für sie erledigte, bestens über das Geschehen im 7-Mühlen-Dorf informiert.

Der Förderverein Mühle Liesebach und die Gemeinde haben der Verstorbenen mit eigenen Würdigungen gedacht, die man im Netz und auf unserer Website wiederfindet:

Hermine (Herma) Liesebach im Veranstaltungsraum ihrer Mühle – Foto Förderverein

Mit treffenden Worten hat Pfarrer Tobias Crins die Verstorbene und ihr Leben anlässlich der Beisetzung im kleinen Kreis auf dem Räbker Friedhof am 13. Januar 2021 beschrieben. Persönlich habe ich sie als „auslaufendes Kind“ kennengelernt. Meine Großeltern wohnten bis Ende der 60er Jahre im Obergeschoss des Mühlengebäudes.

Die selbstbewusste Frau, zeitweilig etwas knorrig, eigenwillig wirkend und auf Abstand getrimmt, ward nicht so oft im Dorf oder auf dem Mühlenhof gesehen. Weilte sie doch mit ihren sehr verantwortungsvollen Aufgaben der „Logistik“ in der damaligen Braunschweigischen Staatsbank in der großen Stadt weit abseits vom als normal empfundenen Dorfleben. Es sei denn, man bat sie zur Konfirmation und ähnlichen Feierlichkeiten, ihre Kochkunst praktisch an Mann, Frau und Gäste zu bringen. Ja, es war in der 60er Jahren schon etwas Besonderes und eher eine Ausnahme, als Frau jeden Werktag allein mit dem Auto nach Braunschweig zu fahren und dort der Arbeit nachzugehen.

Aus der Südheide auf die Räbker Mühleninsel

1960 traf sie in Räbke in der Armen Reihe 67 ein. Da trieb das Wasser des Mühlengrabens kein Rad, keine Transformation und kein Becherelevator mehr an. Die Verstorbene hat die Wassermühle aus dem Jahre 1236 nie im Betrieb gesehen; außer in viel späteren Jahren anlässlich des Deutschen Mühlentages. Und dennoch dieser spektakuläre Einsatz für das zunächst Unbekannte, verbunden im Jahr 2007 mit der Idee, das Wasserrad zum Laufen zu bringen! Wahrscheinlich muss man sie deshalb im Nachhinein sogar als die heimliche Müllerin bezeichnen. Wie sie wohl auch den Haushalt, dem neben ihrem Ehemann Richard auch ihre Mutter, im Dorf bekannt als Frau Schulz und Langhaardackel Waldi angehörten, weitgehend finanziell getragen hat.

Die geheime Chefin

Hermine verdiente gutes Geld in der Bank, fühlte sich Beamten gleichgestellt und brachte zusätzlich eine angemessene Barschaft aus ihrem Heimatkreis Gifhorn mit auf den Mühlenhof und in die Ehe. Das war sicher auch nötig, denn ihr Ehemann war für alle offensichtlich kein richtiger „Lust-Müller“, zog Mitte der Fünfziger des vorigen Jahrhunderts die unternehmerische Bremse und stieg mit seiner Marke Elmgold und seiner Mühle noch vor der Bekanntgabe des Mühlenstrukturgesetzes durch die Adenauer-Regierung aus. Auf den ersten Blick eine mehr als traurige Angelegenheit, auf den zweiten allerdings auch eine große Chance für nachfolgende Generationen, da mehr oder weniger alle Aggregate und Maschinen zur Mehlproduktion an Ort und Stelle blieben. Mit dieser Grundausstattung konnte der Mühlenverein 2009 seinen Siegeszug beginnen und bis heute einen technischen und kulturellen Entwicklungsstein auf den nächsten setzen.

Warum tat sie das?

Hatte sie ganz plötzlich Interesse an der Müllerei gefunden? Eher nicht. Ich glaube, sie wollte einerseits uns Räbkern das Mühlenensemble als ihr Vermächtnis restauriert als Kulturdenkmal zurückgeben, das Hunderte von Jahren seine Funktion als Mühle erfüllte und andererseits deutlich machen, dass sie in ihrer aktiven Zeit mehr Wertschätzung des Dorfes verdient gehabt hätte. Wenn es wirklich so wie ich vermute war, ist es ihr umso höher anzurechnen, dass sie diese emotionale Betroffenheit nicht negativ ausgelebt hat, sondern im Gegenteil mit hohen Summen finanziell unterstützt hat. Ich befürchte, so manch einer von uns hätte anders reagiert.

In ihrer Hauptschaffenszeit hatten in den Dörfern unser Region der Bürgermeister, der Oberlehrer und der Pfarrer das Sagen. Und die allgemeine Stimmung und Lebenslage wurde von den Landwirten, die damals noch Bauern hießen, bestimmt. Wen der Weg nach 1945 als Flüchtling nach Räbke geführt hat – Schlesier, Sudeten oder Ostpreußen – konnte ebenso ein Lied davon singen. Ob in Harmonie oder manchmal eher dissonant, kam sehr auf die Personen und die Umstände im jeweiligen Augenblick an.

Also, es war für die Verstorbene sicher nicht nur Honigschlecken, den Eingeborenenstatus von Räbke zu erlangen. Wir sind ihr sehr dankbar, dass sie die „Beweislast“ einfach umgekehrt und einen großen Teil ihres Vermögens in die Wassermühle gesteckt hat. Mit ihrer überaus großen Unterstützung im Hintergrund ist die Mühle, die ihren angeheirateten Namen trägt, zu dem Wahrzeichen unseres Dorfes geworden. Vor allen Dingen zu einem Ort, der sich im Gegensatz zu vielen anderen Vorhandenen ständig weiterentwickelt und nicht nur gottgegeben einfach da ist. Die Mühle führt darüber hinaus Menschen zusammen.

Ich bin ganz sicher: Ohne Hermine Liesebach – im Schlepptau mit dem aktiven Förderverein und dessen engagierte Mitglieder – wäre der Erfolg unseres Dorfes im Dorfwettbewerb sehr viel übersichtlicher ausgefallen.

Die Verstorbene hat sich um das Dorf verdient gemacht.

CL

PS: Part II folgt bald; dann aber mit einem gewissen Lächeln im Gesicht.

1 Kommentar
  1. Horst Eberhard
    Horst Eberhard sagte:

    Wohl dem, der gut beraten ist, Christian…

    Ich hatte mich schon gefragt, warum es kurzzeitig so still war, in der Breiten Str. 94.

    Mit diesem Beitrag hast Du nun nicht nur diese, meine Frage beantwortet, sondern Du hast damit vor allem Frau Hermine Liesebach posthum eine großartige und ausführliche Würdigung zukommen lassen.
    Sehr umfangreich und detailliert, mit vielen, auch persönlichen Bezügen und dabei auch noch richtig gut zu lesen.

    Chapeau, das ist Dir hervorragend gelungen !

    Ergänzend zu dem bemerkenswerten Nachruf des Mühlenvereins, hat Dein Betrag bei mir neben Erkenntnisgewinn auch dazu geführt, dass ich nun das Gefühl verloren habe, ein kommentatorisches Fehlen oder fast Schweigen zur Rolle von Hermine Liesebach hätte existieren können.

    Dafür danke ich Dir auch als Bürger von Räbke.

    Viele Grüße,
    Horst Eberhard

    Antworten

Hinterlasse einen Kommentar

An der Diskussion beteiligen?
Hinterlasse uns deinen Kommentar!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.