Räbke zum Anfassen: Sturm auf die Mühle Liesebach

Die Ruhe vor dem Sturm und dem gefürchteten Gewitter – Christian Lubkowitz

Nach Veranstaltungen – neu hochdeutsch auch Events genannt – ist man als (selbst) kritischer Deutscher geneigt, das Salzkorn im Zucker zu suchen und das angenehme Gefühl des Erfolges superschnell in das Register Vergangenheitsbewältigung zu verdammen. Die deutsche Gretchenfrage: Was hat am Pfingstmontag 2019 anlässlich des Deutschen Mühlentages auf der Räbker Mühleninsel denn so alles nicht hingehauen?

Für sorgsame Beobachter: Detailliebe am Rande Christian Lubkowitz

Der regelmäßige Leser diese „Schreibblockes“ weiß mittlerweile, dass bei mancher Information ein Pfund Ironie mitschwingt. Der 6. Deutsche Mühlentag in Räbke war ein weiteres Mal ein wunderbar einprägsames Ereignis für den Förderverein, aber auch für Räbke. Diesmal konnte man den Eindruck gewinnen, dass sehr viele Besucher einen weiteren Weg als sonst zu uns genommen haben, ein erklecklicher Anteil aus Sachsen-Anhalt und Mühlenfreunde, die am Mühlentag die Mitmacher-Mühlen der Region abgefahren sind. Aber auch solche, die einfach mal Räbke kennen lernen wollten. Und wir sollten auch die externe Kommunikation der Räbker Mühlenfreunde nicht unter den Scheffel stellen: Das eigene und das weitergeleitete Netzwerk der Fördervereins funktionierten gut, die natürliche Ausstrahlung von Räbke schickt sich an, sich zu verstetigen.

Ein Riesenerfolg für den Mühlenverein und die 60 ehrenamtlichen Mitmacher. Das bunte Treiben entschädigte für den individuellen Einsatz, der für die meisten „Arbeitsbienen“ nach der Gewässerwoche Schunter die zweite Großtat innnerhalb von drei Wochen war. Die Zahl von 2.300 Besuchern kann sich auch sehen lassen. Und eins ist sicher: Der Erlös aus allen Aktivitäten wird die Basis sein, ein nächstes Projekt des Vereins, zum Beispiel das hinfällige Nordtor des Hofes, zu ersetzen. Denn ohne Eigenkapital des Vereines sind wir finanziell durch niemanden förderwürdig.

Mühlenandacht: Die besonderen Momente im Leben

Danke für diesen guten Morgen und Mühlentag – Christian Lubkowitz

Schon der Beginn am 2. Pfingsttag, mit der Mühlenandacht von Pfarrer Tobias Crins, war ein strahlender. Ein den Menschen zugewandter Geistlicher, Gitarre und junge, frische Lieder im Gepäck, wunderbar unterstützt am Keyboard von Adelheid Schnelle, eine Predigt mit Bezug zu zeitlichen Erinnerungsorten von Salzgitter-Lobmachtersen bis zur Mühle Liesebach: ein Pfingsterlebnis der besonderen Art auf der Mühleninsel und ein innerer Appell, fortzusetzen, weiter voran zu gehen, aus der Erinnerung Kraft für die eigen Botschaft zu gewinnen. Nach dieser Andacht war allen 80 Zuhörern und Zuhörerinnen klar, die Verbindung nach oben steht, man ist online. Der ängstliche Blick der letzten Tage auf die Wetterapp war überholt. Der vom Vorsitzenden gewünschte seichte Landregen traf nicht um 18:00 Uhr, sondern gen 20:00 Uhr ein. Diese Verspätung wird im nachhinein entschuldigt.

Buntes Feldlager auf dem Mühlenhof

High Noon auf der Mühleninsel: Standhaftigkeit ist gefragt – Christian Lubkowitz

Man konnte von Norden oder Süden kommen. Überall Menschen zuhauf und „freilaufende“ Kinder. Eine große Wolke von Gemeinsamkeit und Lebensfreude stand über dem Vierseithof der Mühle. Harmonie war allenthalben zu spüren; selbst, wenn man die neue Räbker Mühlendisziplin „Schlange sitzen und stehen“ zwangsläufig ausüben musste. Ab Mittag erreichte das Getümmel den Status der Central Station von New York. Das von der Wasserleitungsgenossenschaft gelieferte Räbker Wasser floss aus den Flaschen schneller als Mühlengraben und Schunter zusammen (2-3 m/s). Es ist davon auszugehen, dass der Kuchen-/Kaffee-/Bratwurst-/Backschinken-/Brot-Sektor keine Beschwerde wegen fehlenden Umsatzes beim Kassenwart einreichen wird.

Räbker Papierfrauen neu entdeckt

Schöpfen aus der Bütte: Ursula Rosen (links) und Gabi Schröder – Christian Lubkowitz

Erstmals als Papiermacherinnen und Vertreter der „weißen Kunst“ dabei und besonders intensiv durch Kinderinteresse gefordert, waren Ursula Rosen, Gabi Schröder und Heike Marondel. Räbke und seine Papiermühlen war in der Vergangenheit eine Geschichte für sich in der Landesgeschichte Niedersachsens und ist es nun wieder eine in der Gegenwart geworden. Papierschöpfen von Anfang bis Ende – nicht für den Braunschweiger Herzog oder die Helmstedter Universität, sondern für die Mühlenbesucher. Ein neuer Anziehungspunkt im Dorf und in der Mühle ist geboren.

Holger Lustermann (2.v.l.) und seine Gruppen sind immer spielbereit – Christian Lubkowitz

Holger Lustermann und seine drei Mitsaxofonisten lösten ab 15:00 Uhr ihr Versprechen aus der Gewässerwoche Schunter mit gekonnten Klängen ein und fanden mit ihrer Musik erneut den Weg nach Räbke. Bass erstaunt, was im Elmdorf abgeht und wie ausdrucksstark die Mühle auf Neueinsteiger wirken kann.

Beijing an Mühlengraben und Schunter

Räbker Wasser und Fallersleber Bier in chinesischen Kehlen – Gesa Röhr

Und selbst nach 18:00 Uhr, als sich bereits alle mit dem Erfolg des Tages abgefunden hatten, wurde es noch einmal ernst. Eine chinesische Delegation aus Peking wollte dem Handelskrieg mit Amerika entgehen und landete unter Begleitung einer Räbker Neubürger- und Neumühlen-Besitzerfamilie aus der Schaperstraße natürlich in der Mühle. Da kann man nur zurufen: Zweimal herzlich willkommen. Die chinesische Delegation hat sich unter den deutschen „Ameisen“ sehr wohlgefühlt und nimmt neben ihren Dorfeindrücken aus Deutschland auf ihren Fotos das immaterielle Kulturgut der UNESCO, Deutsche Wasser- und Windmüllerei, mit nach Peking. Ob es dort gefällt?

PS: Was heißt Reibradkupplung auf Englisch?

CL

3 Kommentare
  1. Detlef Klages
    Detlef Klages sagte:

    Ein wirklich tolles „Event“ mit großer Strahlkraft ,
    Eine super Berichterstattung,
    Ein großes Dankeschön an alle die dazu beigetragen haben,
    Weiter so. …..

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  2. Dietmar Hoffmann
    Dietmar Hoffmann sagte:

    Es war in Sachen Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung von allen Beteiligten sehr viel Fleiß und Durchhaltevermögen gefragt. Das hat wunderbar geklappt. Mit so einer Mannschaft ist auch der ganze Aufwand schon wieder vergessen.
    Danke allen Mitmachen.
    Dietmar

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